"Ich möchte doch auch!"

 
 

Im letzten Frühling besuchte ich mit meiner 9-jährigen Tochter einen Schwimmkurs. In solchen Momenten spürt man oft sehr gut, wie andere Familien – Eltern mit ihren Kindern – unterwegs sind, oft über mehrere Kurseinheiten hinweg. Zwei Familien fielen mir immer wieder auf.

Die eine Familie hatte zwei kleine Töchter, fünf und knapp drei Jahre alt. Die andere Familie hatte zwei Söhne etwa im gleichen Alter. Für beide jüngeren Geschwister war es eine ähnliche Situation: Beide wären gerne schwimmen gegangen, aber das war den größeren Geschwistern vorbehalten.

Wie gut ich doch diese Situation von mir selber als Mutter kannte. Es verlangt den Kindern einiges an Geduld und Frustrationstoleranz ab.

Draußen war es noch kühl und drinnen sehr warm – die Kinder waren in Winterbekleidung unterwegs. Die jüngeren Geschwister mussten mit in den Umkleideraum, warten und zuschauen, bis die Großen zum Schwimmen bereit waren. Alles war zeitlich eng getaktet, wann man sich umziehen durfte und wo man zu warten hatte, bis der Kurs begann.

Die Mama mit den zwei Söhnen erfasste sehr schnell, dass es dem jüngeren Kind einiges abverlangte und zeigte sich sehr feinfühlig. Sie ließ seine Tränen über die Frustration zu, tröstete den Kleinen mit einfachen, verständnisvollen Worten und einer festen Umarmung. Was nochmals einige heftige, wohl notwendige Tränen darüber fließen ließ. Danach war der Junge bereit, sich auf seine Mutter einzulassen. Sie hatte bequeme Kleidung für ihn dabei, einen kleinen, liebevoll eingepackten Snack und ein Spiel, das er sehr zu mögen schien.
Sie machte aus dem Warten und Aushalten der Vergeblichkeit „nicht schwimmen gehen zu dürfen“ einen gemeinsamen wertvollen Moment. Es war richtig schön, den beiden zu schauen zu dürfen.

Die Mama mit den beiden Töchtern wirkte ebenfalls sehr geduldig, aber mit einer gewissen Strenge. Auch ihre kleine Tochter war frustriert, weinte und machte Ihren Unmut darüber laut kund. Sie schien zu dem sehr müde zu sein, äußerte, dass sie Hunger habe, was das Ganze noch intensivierte. Bald forderte die Mutter sie auf, sich doch endlich „anständig zu benehmen“, es gebe bald Mittagessen und jetzt keinen Snack.

Mehrere anwesende Eltern schienen den Druck auf die Mutter sichtlich zu verstärken. Ich spürte, wie Mitgefühl in mir aufstieg – für Mutter und Tochter. Es schien ihnen einfach nicht recht gelingen zu wollen, diesen Moment gut zu gestalten. Es verlangte ihnen beiden sichtlich viel ab.

Meinem „jüngeren Ich“ als Mama war dies ebenfalls sehr vertraut. Beim Hineinwachsen in die Mutter- bzw. Elternrolle kann es schnell geschehen, dass man – aus dem Wunsch heraus, es unbedingt richtig zu machen – Strenge oder kompromisslose Konsequenz über die Beziehung zum eigenen Kind stellt. Dieses Muster wiederholte sich bei der Familie über die Kurseinheiten.

Ich hätte ihnen so sehr einen entspannten Moment zu zweit gewünscht.

In der Beratung und aus eigener Familienerfahrung habe ich gelernt, wie wichtig es gerade für Klein- und Vorschulkinder ist, dass Ihre Grundbedürfnisse gestillt sind. Hunger, Durst, Müdigkeit oder Trennungsunsicherheit machen es Kindern einfach unmöglich, liebevolle Führung oder Korrektur von Eltern oder Bezugspersonen anzunehmen. Auch vertieftes, kreatives Spielen und Lernen ist dann einfach nicht möglich.

Charles Dickens soll einmal gesagt haben:

„Der Himmel weiß, dass wir uns unserer Tränen nie schämen sollten, denn sie regnen auf den blendenden Staub der Erde, der auf unserem verhärteten Herzen liegt. Nachdem ich geweint hatte, ging es mir immer besser als vorher – es tat mir mehr leid, ich war sanfter.“

Kulturell bedingt möchten wir Tränen eher verhindern und lenken Kinder davon ab. Dabei sind Tränen für Babys, kleine Kinder, Schulkinder und bis ins hohe Erwachsenenalter unglaublich wichtig für uns Menschen.

Tränen helfen uns, Dinge klarer zu erkennen, zu verstehen und sind befreiend. Wir können unsere Gefühle anschließend besser einordnen und regulieren.

Halten wir jedoch diese starken Wutgefühle, Frustrationen und die damit verbundenen Tränen gemeinsam mit unseren Kindern aus, schenken wir ihnen Geborgenheit in einer sicheren Bindung. Und wir helfen wir ihnen in kleinen Schritten darin zu wachsen und zu reifen.

Indem wir nicht vergessen, wie es selber als Kind war und die Welt wieder ab und an etwas mehr durch Kinderaugen zu betrachten, bewahren wir uns davor, schwierige Momente vermeiden zu wollen oder von Tränen abzulenken.

Denn wie Dickens so schön sagte: „Sie regnen auf den blendenden Staub der Erde, der auf unserem verhärteten Herzen liegt und macht es wieder weich und empfänglich.“

Dieser Beitrag wurde von Miriam Bruderer verfasst. Miriam arbeitet als I.B.T. Therapeutin und Erziehungsberaterin in der Praxis Ankerplatz.

 

 
 

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