"Du bist sicher verwöhnt!" Warum Liebe kein Verwöhnen ist...

 
 

«Du bist ein Nachzügler? Dann bist du sicher verwöhnt!»

​Unzählige Male musste ich mir als Jugendliche und junge Erwachsene diesen Satz anhören. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass es nicht nur uns Nachzüglern so geht, sondern oft auch Einzelkindern und den jüngsten Geschwistern.

​Meistens war diese Bemerkung von einem eher abschätzigen Tonfall begleitet. Die Botschaft war klar: Nachzügler sind verwöhnt – und das ist etwas Schlechtes. Es fühlte sich für mich an wie ein Stempel, der mir aufgedrückt wurde, ohne mich überhaupt wirklich zu kennen.

​Auch heute noch höre ich solche Bemerkungen in Bezug auf Kinder ab und zu. Ich stelle fest, dass dieser Mythos vom «verwöhnten Kind» immer noch herumgeistert – und dass viele Eltern eine ausgeprägte Angst davor haben, ihr Kind zu verwöhnen. Deshalb lohnt es sich, einmal genauer darüber nachzudenken: Was bedeutet «verwöhnt» eigentlich wirklich? Und womit wird es häufig verwechselt?

​Was bedeutet «verwöhnt» überhaupt?

​Das deutsche Wörterbuch erklärt «verwöhnt» folgendermassen:

​[abwertend] aufgrund allzu nachgiebiger Erziehung bzw. Aufwachsens in Reichtum schlechte Eigenschaften oder unangenehmes Verhalten zeigend

​Der Duden sagt:

​hohe Ansprüche stellend; anspruchsvoll, wählerisch

​Für mich war es unglaublich heilsam, als ich in meiner Ausbildung bei Dr. Gordon Neufeld seine Definition von «verwöhnt» hörte. Dr. Neufeld erklärt, dass Kinder dann verwöhnt werden, wenn man ihnen alle Steine aus dem Weg räumt und sie sich nie an Frustrierendes im Leben adaptieren müssen. Eltern, die ihren Kindern alles möglich machen und sich völlig für sie aufreiben, laufen also Gefahr, ihre Kinder zu verwöhnen. Da geht es zwar auch um Materielles, aber eben nicht nur.

​Warum Frustration für Resilienz notwendig ist

​Um Resilienz – also innere psychische Widerstandskraft – zu entwickeln, ist es enorm wichtig, dass Kinder von klein auf lernen, über Dinge zu trauern, die sie nicht verändern können. Nur so können sie sich adaptieren: Sie finden einen Weg, mit dem Unveränderlichen zu leben.

​Am Anfang des Lebens sind das kleine Frustrationen – ein Legoteil, das unauffindbar ist, oder das «falsche» Mittagessen. Später werden die Frustrationen grösser: eine nicht erhaltene Einladung oder eine nicht bestandene Prüfung. Um auch mit solchen Widrigkeiten gut fertig zu werden, braucht es Übung. Genau darum ist es so wichtig, dass wir unseren Kindern nicht alle Steine aus dem Weg räumen und sie so am Wachstum hindern.

​Liebe ist kein Verwöhnen

​Wenn ich auf meine eigene Kindheit zurückschaue, sehe ich, dass da ganz sicher genügend Steine auf meinem Weg lagen. So gesehen war ich ganz bestimmt nicht verwöhnt.

​Ich sehe aber auch, dass ich ein sehr liebevolles familiäres Umfeld hatte. Meine Bedürfnisse wurden grösstenteils feinfühlig wahrgenommen, und ich bekam viel Raum, um mich zu entfalten und meine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Genau das ist es, was im Allgemeinen oft mit «Verwöhnen» verwechselt wird. Doch Gordon Neufeld sagt ganz klar: Man kann ein Kind nicht zu sehr lieben. Wenn es um echte Bedürfnisse geht (nicht um Wünsche!), gibt es kein «Zu-Viel».

​Mein Fazit

​Dort, wo Eltern ihren Kindern sämtliche Steine aus dem Lebensweg räumen, besteht die Gefahr, dass Kinder verwöhnt werden. Nicht aber, wenn wir Kindern das geben, was sie wirklich brauchen: Liebe, Nähe, Feinfühligkeit und den Raum, zu wachsen und sich zu entfalten.