"Nach dem Lager fängt mein Leben wieder an!"
«Nach dem Lager fängt mein Leben wieder an!»
Dieser Satz sagte kürzlich eine 5. Klässlerin zu mir. Das Skilager der Schule stand vor der Tür und diese Tatsache belastete das Mädchen so sehr, dass gefühlt ihr ganzes Leben gerade stehen blieb.
Das Verrückte ist, dass dieses Mädchen bei weitem nicht die Einzige ist, mit diesem Problem. Allein in diesem Jahr reicht eine Hand nicht mehr, um die Kinder und deren Eltern aufzuzählen, die ich durch Lager-Krisen begleitet habe. Und es ist erst März.
Eines haben alle diese Kinder gemeinsam: Sie sind weder grundsätzlich «Heimweh-Kinder» noch haben sie traumatische Erfahrungen in Lagern gemacht.
Schon aus meiner aktiven Zeit als Jungscharleiterin weiss ich, dass es einfach Kinder gibt, die Lager lieben und dort aufblühen. Und es gibt Kinder, für die ist nur schon die Vorstellung von Massenlager, Schlafsack und «Ghackets und Hörnli» als typischer Lagerfood ein Graus.
Ich selbst gehöre eindeutig zur ersten Gruppe, habe ich doch als Kind und Teenie kaum eine Lager-Möglichkeit ausgelassen. Und lange Zeit war es für mich unvorstellbar, dass man das Lagerleben nicht lieben könnte…
Doch beim Beobachten der Kinder, die ich gerade begleite, fiel mir auf, dass es fast durchs Band eher die sensiblen und introvertierten Kinder sind, die sich mit Lagern schwertun.
«Zu laut und viel zu viel Programm» so brachte es ein Junge auf den Punkt. «Nie ist man alleine, nie hat man seine Ruhe» sagte ein Mädchen.
Nun sind ungefähr 50% der Menschheit, und damit auch der Kinder introvertiert. Also braucht jeder Zweite Zeiten des Rückzugs, um wieder aufzutanken. Mehr oder weniger ausgeprägt, selbstverständlich. Ein Kind, welches Schwierigkeiten mit Lager hat ist also nicht allein damit! Ziemlich sicher ist es nicht mal innerhalb der Klasse allein mit dem Problem. Und Kinder die Lager nicht mögen sind auch nicht komisch oder gar falsch.
Wenn nun Lager obligatorisch sind, und das sind Schullager in aller Regel, wäre sinnvoll darüber nachzudenken, was es braucht, damit auch introvertierte und / oder sensible Kinder sich wohlfühlen.
Hier ein paar Ideen, die helfen können:
Ruhe-Inseln: In vielen Schulzimmer gibt es Leseecken oder andere Inseln. Warum nicht auch in einem Lager einen ruhigen Ort einrichten? Ein Ort, an den sich Kinder zurückziehen können, zum Lesen, malen, usw. Ein Ort, an dem nicht oder nur leise geredet werden darf. So ein Ort sollte für Alle zugänglich sein, nicht nur für 1 Kind. Denn Kinder fallen bekanntlich nicht gerne auf…
Pausen: Viele Lehrpersonen / LeiterInnen haben die Idee, die Kinder tagsüber auszupowern, damit abends irgendwann Ruhe ist. Doch Kinder brauchen nicht nur die Möglichkeit sich auszupowern, sondern auch Zeiten, wo sie zur Ruhe kommen und sich regulieren können. In meinem geliebten «Kiental-Lager» gab es jeden Mittag die «Liegi», eine Art Siesta. Nicht alle Kinder mochten diese Zeit, aber ich bin sicher, sie hat allen gut getan.
Vorhersehbarkeit: Überraschungen sind zwar cool, aber für viele Kinder sind sie auch mit viel Unsicherheit und Alarm verbunden. Tages- oder sogar Wochenpläne helfen Kindern, sich einzustellen, auf das was kommt und sich sicher zu fühlen. Dies gilt auch für das Essen! Wenn Kinder im Voraus wissen, was es wann gibt, hilft das, auch «schwieriges» Essen zu überbrücken. Oder sich auf ungeliebtes Essen einzustellen.
Individualität: Nicht jedes Kind findet Nachtspiele toll und nicht jedes Kind braucht nach einem Skitag noch Toben im Hallenbad. Bestimmt ist es da und dort möglich, auf einzelne Kinder einzugehen. Manchmal ist zuschauen doch auch ok…
Und wenn alle Stricke reissen: Für viele Kinder ist es wichtig, eine Art Notausgang zu haben. Zu wissen, wenn es gar nicht mehr geht, holt die Mama mich ab, hilft. Oftmals kommt es gar nicht so weit, manchmal hilft auch nur ein Telefon mit einem Elternteil. Und ja, manchmal muss ein Kind abgeholt werden, aber auch das ist noch nicht das Ende…
Natürlich haben Eltern nur bedingt Einfluss auf die Lagergestaltung. Vielleicht ist es aber doch hier und da möglich, einen Input zu geben oder auch konkret zu benennen, was dem Kind denn helfen würde.
Und vielleicht liest hier ja die eine oder andere Lehrperson mit 😉