"Wäähh das ess ich nicht!"
«Wäähh das ess ich nicht!»
Vor mir steht ein Grundschulkind, wirft einen Blick in den Kochtopf und ruft entrüstet «wäähh, das esse ich sicher nicht!». Im Topf befindet sich nicht etwa bitter schmeckende Kohlsuppe, sondern irgendetwas ganz alltägliches, was das Kind noch vor 2 Wochen gerne gegessen hat. Und was es auch in der nächsten Viertelstunde gerne essen wird…
Immer wieder befand ich mich als Mama von Schulkindern in dieser Situation. Ich habe mir immer Mühe gegeben, abwechslungsreich zu kochen und die Vorlieben meiner Kinder mit einzubeziehen. Trotzdem kam es mittags regelmässig zu diesen frustrierenden Momenten, kaum waren die Kinder aus der Schule zurück. Erstaunlicherweise assen sie wenige Minuten danach, was ich gekocht hatte. Und auf Nachfrage hin, hiess es meistens, «war fein» oder «das kannst du wieder mal machen».
Aus unzähligen Beratungsgesprächen weiss ich, dass es vielen Eltern ähnlich geht. Und die Lösung dieses Rätsels habe ich mittlerweile auch gefunden. Sie liegt nicht in den Kochkünsten der Eltern, dies sei vorab gesagt 😉
Versetzen wir uns kurz in die Lage eines Schulkindes: Der Vormittag war lang, das Kind musste viele Male kooperieren, machen, was es vielleicht nicht wollte, sich zurücknehmen, Enttäuschungen hinnehmen. Schulweg und Pause waren anstrengend, vielleicht körperlich, vielleicht aber auch voll von Konflikten und eigenen und fremden Gefühlen.
Endlich ist Mittagszeit, bis dahin hat sich schon viel Frust angestaut. Das Kind kommt nachhause, an den Ort, wo es sich sicher und geborgen fühlt. Und nun dürfen all die Gefühle und der Frust, der sich angestaut hat, endlich raus. Denn zuhause kann man loslassen, Gefühle zum Ausdruck bringen… Um Frust rauszulassen braucht es meistens ein Ventil. Und wenn sich im Kochtopf nicht gerade Spaghetti mit Tomatensauce befinden, ist das Mittagessen das ideale Ventil. Man kann sich herrlich darüber aufregen und schimpfen und damit gleich den Frust des ganzen Vormittags loswerden.
Und dann? Nun, dann kann man sich an den Tisch setzen und essen. Und mit gefülltem Bauch (und einem Zuckerspiegel der sich nicht mehr im Tiefflug befindet) sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.
Als mir dieser Zusammenhang klar wurde, fiel es mir viel leichter, die all-mittäglichen Frustäusserungen über das Essen hinzunehmen. Und ich erinnerte mich auch daran, dass es mir als Schulkind nicht anders ging. Ich konnte mich herrlich aufregen über das Mittagessen…
Übrigens erleben wir dieses Phänomen nicht nur beim Mittagessen. Auch zu anderen Tageszeiten kann es vorkommen, dass Kinder nachhause kommen und sich ihr ganzer Frust an uns entlädt. Vom Aussen bekommen wir dann die Rückmeldung, das Kind sei ganz lieb gewesen, hätte super mitgemacht, etc. Und wir fragen uns: «Was mache ich bloss falsch?»
Wenn du das auch erlebst, möchte ich dir sagen: Gar nichts machst du falsch! Im Grunde genommen ist dieses Verhalten sogar ein Kompliment an dich! Denn damit sagt das Kind: «Draussen (in der Schule, KITA, bei Freunden, …) habe ich mich zusammengenommen und viel kooperiert. Bei dir fühle ich mich nun so sicher und gehalten, dass ich all den aufgestauten Gefühlen Raum geben kann».
Vielleicht hilft dir dieses Wissen beim nächsten Gefühlsausbruch?
Mehr über Kinder, Gefühle und was sie von uns brauchen bekommst du im Kurs «Kinderseelen verstehen», der Ende April wieder startet: