Zwischen Sonnencreme und Erziehungs-Schlauheiten
„Risiko Kindheit“ von Nicole Strüber – Warum die ersten Jahre prägen, aber kein Schicksal sein müssen
«Können Babys und Kleinkinder denn schon traumatisiert sein? Was wollen die denn schon so Schlimmes erlebt haben?» Diese Frage wurde mir von einer Person gestellt, die sich für meine Arbeit interessierte. (In ähnlicher Form schon mehrfach, von verschiedenen Personen)
Die Frage war nicht böse gemeint, sondern brachte zum Ausdruck, dass die Person keine Vorstellung davon hatte, dass es so etwas wie Frühtraumatisierung gibt. Wie so oft in dieser Situation machte ich ein paar Beispiele: Das Baby, welches viel zu früh zur Welt kommt und sofort von der Mama getrennt auf die Neo gebracht wird. Jenes Baby, welches kurz nach der Geburt mehrfach operiert werden musste oder jenes, welches bereits im Bauch der Mama den ganzen Stress eines Beziehungsabbruches miterleben musste…
In diesem Fall ging der fragestellenden Person ziemlich schnell ein Licht auf und sie meinte: «Wenn das so ist, sind ja viel mehr Menschen traumatisiert, als man denken würde…?» Nun ja, so könnte man das ausdrücken… Wir unterhielten uns dann noch eine Weile über Stress und seine Auswirkungen auf das kindliche Gehirn. Doch viel besser, als ich das erklären könnte, macht das Nicole Strüber in ihrem Buch «Risiko Kindheit», welches ich interessierten Personen sehr empfehle:
„Warum sind die ersten Lebensjahre so entscheidend für die Entwicklung unseres Gehirns? Warum fällt es manchen Menschen im späteren Leben schwer, Stress zu bewältigen und die Impulse im Griff zu halten? Dieses Buch erklärt, wie Risikokindheiten unsere Persönlichkeit und Psyche beeinflussen, wie man diese Risiken vermeiden und die entstandenen Defizite im Erwachsenenleben beheben kann.“ (Text auf dem Einband).
In ihrem Buch „Risiko Kindheit“ geht die Neurobiologin Nicole Strüber einer wichtigen Frage unserer Zeit nach: Wie beeinflussen frühe Erfahrungen die Entwicklung des kindlichen Gehirns – und wie können wir Erwachsenen Kindern helfen, selbst unter schwierigen Bedingungen gesund aufzuwachsen? Denn dass auch das möglich ist, zeigen uns zahlreiche Beispiele von Kindern, welche unter widrigsten Umständen reifen und sich entwickeln konnten. Ausserdem beschreibt Nicole Strüber gut verständlich, was Stress in unserem bzw. dem kindlichen Gehirn bewirkt und wie Stresserfahrungen über Generationen weitergegeben werden können.
Frühe Belastungen und Stresserfahrungen gibt es definitiv mehr als wir gemeinhin denken.
Wir neigen oft dazu zu glauben, dass tiefgreifende seelische Erschütterungen nur wenige Kinder betreffen oder an extrem seltene Schicksale gekoppelt sind. Nicole Strüber macht in ihrem Buch jedoch deutlich: Die Zahl der Kinder – und der Erwachsenen, die wir täglich treffen –, die bereits in sehr frühen Jahren, bzw. schon vor ihrer Geburt, anhaltender Überforderung, Vernachlässigung oder emotionalem Stress ausgesetzt waren, ist weit größer, als wir meist annehmen.
Viele dieser frühen Verletzungen bleiben unsichtbar, manchmal sogar für die betroffene Person selbst. Sie zeigen sich nicht zwingend in grossen Worten oder Taten, sondern oft schleichend im Alltag: in plötzlicher Rückzugstendenz, übermässiger Unruhe, Ängstlichkeit, der Entwicklung von Zwängen, oder stark defensivem Verhalten, usw.
Ein Blick hinter das Verhalten
Ob Wutausbrüche, Anpassungsschwierigkeiten, Ängste oder Dauerstress: Kinder zeigen uns durch ihr Verhalten, was in ihrem Inneren vorgeht. Nicole Strüber erklärt auf fundierte, aber sehr gut verständliche Weise, wie frühe Verunsicherungen und Stress das Gehirn prägen – und warum ein feinfühliges Umfeld in der frühen Kindheit so entscheidend für die spätere Widerstandskraft ist. Und hier entsteht Hoffnung: Wir haben es zwar als Eltern nicht immer in der Hand, unsere Babys und Kleinkinder vor stressvollen Erfahrungen zu bewahren, doch wir können nach oder trotz solcher Erfahrungen viel tun, damit der Stress verarbeitet und das Kind sich gut weiterentwickeln kann.
Das Buch hilft zu verstehen: Kein Kind entscheidet sich bewusst dafür, „schwierig“ oder abweisend zu sein. Hinter herausforderndem Verhalten stecken fast immer ein überfordertes Nervensystem und die Suche nach Sicherheit und Ruhe. Gerade für (Pflege)Eltern wie auch für Lehrkräfte ist das eine enorm wichtige und hilfreiche Perspektive. Sie erinnert daran, dass hinter einem auffälligen Verhalten oft eine Geschichte früher Not steckt, die Wohlwollen, Verständnis und Klarheit statt Bestrafung braucht.
Verlässliche Bindung als schützendes Schild
Eines der zentralen Anliegen des Buches ist es zu zeigen, was Kindern wirklich hilft, wenn sie frühe Belastungen mit sich tragen: Es sind nicht Perfektion oder strenge Erziehungsmaßnahmen, sondern die Erfahrung, von verlässlichen Erwachsenen gesehen, gehalten und verstanden zu werden.
Nicole Strüber beschreibt anschaulich, wie wichtig ein stabiler emotionaler Hafen ist – zu Hause genauso wie im Klassenzimmer. Wenn Kinder sich angenommen und sicher fühlen in der Gegenwart von fürsorglichen Erwachsenen, können sie zur Ruhe kommen und ihre Emotionen fühlen. Dies schafft den Boden für Entwicklung und Reifwerdung.
Fazit
„Risiko Kindheit“ schärft den Blick für die oft übersehenen Nöte in den Lebensläufen von Kindern und Erwachsenen. Es ist ein wissenschaftlich fundiertes Mutmachbuch, das zeigt: Wir können vergangene Verletzungen zwar nicht ungeschehen machen, aber durch verlässliche, zugewandte Beziehungen einen Unterschied fürs ganze Leben bewirken.
Nicole Strüber schafft es in ihrem Buch, komplexe neurobiologische Zusammenhänge auch Laien gut verständlich zu erklären.
Ich habe das Buch geradezu verschlungen, und nutze es immer wieder einmal um gewisse Themen nachzuschlagen.
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“Hilfe Pubertät” ist für Eltern für Kinder VOR der Pubertät geschrieben. Darin geht es darum, wie wir Kinder auf die Pubertät vorbereiten können.
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