«Ich wünschte, ich wär ein Orca ...»

 
 

«Dann wäre ich einfach schwarz und weiss.»

Mit dieser Aussage, völlig aus dem Nichts heraus, brachte uns ein Teenie kürzlich ordentlich zum Lachen. Während wir uns danach über die Vor- und Nachteile von Orcas unterhielten, kam mir der Gedanke, dass dieser schnell dahingesagte Satz vielleicht einen tieferen Sinn haben könnte …

Der Wunsch, schwarz-weiss zu sein und sich nicht mit Grau- und Zwischentönen abgeben zu müssen, passt ja eigentlich ganz gut in die Teenagerzeit. Eine Welt in Schwarz und Weiss, in Gut und Böse, in Richtig und Falsch. Das wäre so viel einfacher als die anstrengende Welt der Erwachsenen – dort, wo man alles von verschiedenen Seiten betrachten muss, in der es immer auch eine andere Perspektive gibt und man ständig den Kontext berücksichtigen sollte …

Und tatsächlich ist es so: Unsere Teenager fallen am Anfang der Pubertät für eine mehr oder weniger lange Zeit in genau dieses Schwarz-Weiss-Denken zurück. «Zurückfallen» deshalb, weil wir es in der Kleinkindphase (wir nennen es auch Trotzphase) schon einmal damit zu tun hatten.

 
 

Erwachsenwerden ist anstrengend. Im Gehirn wird unglaublich viel umgebaut. Es passiert extrem viel Entwicklung – unter anderem eben auch in dem Bereich, in dem Gefühle miteinander gemischt werden. Und genau dieser Bereich ist am Anfang der Pubertät für eine Weile «wegen Umbau geschlossen».

Von aussen nehmen wir dann Teenager wahr, die ihre Gefühle gerade sehr intensiv erleben, sie aber kaum mischen können. Die mitunter taktlos sind, weil sie den Kontext nicht berücksichtigen können. Die nicht einsehen, warum sie heute Französisch lernen sollten, damit sie «morgen» die Gymiprüfung bestehen. Und die eben die Welt gerade radikal in Gut und Böse, Richtig und Falsch, Schwarz und Weiss einteilen.

Ich mag mich gut erinnern, dass ich selbst in dieser Zeit immer wieder damit haderte, Doppelbürgerin zu sein. Ganz das Eine oder ganz das Andere zu sein, erschien mir so viel einfacher und verlockender als dieses ewige «Sowohl-als-auch». Zum Glück gab es den Fussball. Das war mein Ort, an dem ich diesen Wunsch, ungeteilt für ein einziges Land zu sein, voll ausleben konnte.

 
 

Für viele Eltern ist das eine anstrengende Zeit – verständlicherweise. Doch die gute Nachricht ist: Aus den meisten Orcas wird mit der Zeit ein Regenbogenfisch. 😊 Die Fähigkeit, Gefühle zu mischen, kommt zurück, oft sogar vertieft. Die Teenager sind dann immer mehr in der Lage zu reflektieren, die Welt differenziert zu sehen, Verantwortung zu übernehmen und Selbstdisziplin zu entwickeln. Anfangs kann diese neu gewonnene Fähigkeit aber auch ganz schön verwirren, und manchmal entsteht dann der Wunsch, zurück zum Orca zu gehen.

Aber Hand aufs Herz: Geht es nicht auch uns Erwachsenen so, dass wir es manchmal gerne einfach schwarz oder weiss hätten?

Ein Ort, an dem man genau das ausleben kann, ist das Spiel. Zum Beispiel gerade jetzt, während der Fussball-WM: «Fussball ist, wenn 22 Mann 90 Minuten dem Ball nachrennen und am Ende Deutschland gewinnt.» (nach dem Zitat von Gary Lineker) So einfach und klar ist das. Wenigstens fast. 😉

 

Hast du gerade so einen Orca zu Hause?

Oder rechnest du damit, dass diese Phase jederzeit losgeht? Dann möchte ich dir mein neues Buch «Teenager verstehen» empfehlen.

In diesem Buch geht es um die Entwicklung von der Kindheit zum Erwachsensein. Du wirst erfahren, was in dieser Zeit alles passiert und welche Herausforderungen auf deinen Teenager warten – aber auch, wie du deinen Teenie unterstützen kannst, damit er die Brücke von der Kindheit zum Erwachsensein erfolgreich überquert. Das Buch ist als Arbeitsbuch gestaltet. Das heisst, es bietet dir viel Raum für deine eigenen Notizen und Reflexionen.

 
 
 

Für Eltern mit jüngeren Kindern (ab ca. 8 Jahren) gibt es nach wie vor das Workbook «Hilfe Pubertät». Dort geht es darum, was wir in dieser Phase der Kindheit tun können, um den Rucksack unserer Kinder so richtig prall zu füllen – damit sie gut gerüstet sind für die Brückenüberquerung, die wir Pubertät nennen.